Lokalanästhetikum

Ein Lokalanästhetikum ist ein Mittel zur örtlichen Betäubung und darf nicht mit den "Betäubungsmitteln" wie z.B. Opium oder Heroin verwechselt werden. Ein Lokalanästhetikum macht auch niemals süchtig.
Das Lokalanästhetikum wirkt lediglich auf die die Nervenzelle, indem es die Zellmembran
(= biologischer Strukturen mit abschließender, begrenzender oder trennender Funktion) stabilisiert und damit die Depolarisation (= Verminderung oder Aufhebung der Spannung an der Trennschicht) erschweren bzw. verhindert und somit u.a. die Weiterleitung eines Schmerzreizes unterdrückt.
Ein Lokalanästhetikum wird fast ausschließlich zur Schmerzausschaltung bei Operationen und zur Schmerztherapie eingesetzt, eine mißbräuchliche Lokalanästhetikum -Anwendung ist nicht bekannt, ergibt auch keinen Sinn.
Die wohl bekannteste Anwendung erfolgt in der Zahnheilkunde, der Zahnarzt spritzt ein Lokalanästhetikum ein, damit er schmerzlos einen Zahn ziehen kann.

Nach seiner chemischen Struktur werden 2 Klassen unterschieden: das mehr historisch bedeutsame Lokalanästhetikum vom Estertyp, das nur kurz wirkt und eine relativ hohe Allergisierungsquote aufweist (Procain, Tetracain), und das moderne Lokalanästhetikum vom Amidtyp (Lidocain, Mepivacain, Bupivacain, Etidocain, Prilocain, Ropivacain).
Zur Schmerztherapie wird heute vorwiegend ein lang wirkendes Lokalanästhetikum vom Amid-Typ (Bupivacain, Ropivacain, Etidocain) verwendet. Die Wirkzeit beträgt grob 3-6 Stunden.
Ein mittellang wirksames Lokalanästhetikum (z. B. Mepivacain, Lidocain) wird eher zu diagnostischen Nervenblockade
n eingesetzt, wenn eine motorische (= die Muskeltätigkeit betreffende) Störung zeitlich eingeschränkt bleiben soll. Die Wirkzeit beträgt ca. 45-90 Minuten.
Das kurz wirkende (ca. 10-20 Min) Lokalanästhetikum Procain vom Estertyp weist zwar eine höhere Allergierate auf (Aldrete et al. 1970), die toxische Wirkung ist aber gegenüber den lang wirkenden Substanzen deutlich geringer. Die höhere Toxizität von z. B. Bupivacain wird jedoch dadurch relativiert, daß die anästhetische Potenz erheblich über der des Procains liegt, weshalb zur Erreichung einer vergleichbaren Blockadewirkung eine deutlich geringere Dosis notwendig ist. Die langwirkenden Substanzen entfalten eine höhere vasodilatatorische
(= blutgefäßerweiternde) Aktivität, die besonders in der Schmerztherapie erwünscht ist, weil sie die Durchblutung fördert.

Im praktischen Gebrauch wird man sich auf je ein mittellang- und lang wirkendes Lokalanästhetikum beschränken und jeweils eine Alternative bei Unverträglichkeit oder Tachyphylaxie (= allmählicher Wirkungsverlust) bereithalten. Wir benutzen als lang wirkendes Standard- Lokalanästhetikum Bupivacain bis 0,5% (in Ausnahmefällen 0,75%) ohne Zusätze, alternativ bei Tachyphylaxie oder Allergie Etidocain bis 1%, das eine etwas stärkere motorische (= die Muskeltätigkeit betreffende) Blockadereaktion aufweist. Als mittellang wirkendes Standardmedikament verwenden wir hauptsächlich Mepivacain, seltener Lidocain oder Prilocain.

Folgende Substanzen stehen zur Verfügung (die Lösungen sind ggf. zur Injektion in 0,9% NaCl zu verdünnen):

Die Wirkung des Lokalanästhetikum `s hängt hauptsächlich von der Konzentration ab.
Dabei gilt (vereinfacht dargestellt): je dicker die sog. Markscheide
(= die den Nerv einhüllende Schicht) eines Nerven ist, umso mehr Wirkstoffmoleküle werden für die Blockade benötigt, wobei die Bereitstellung der Wirkstoffmoleküle hauptsächlich über die Konzentration erfolgt und nicht übers Volumen.
Die dickste Markscheide besitzen die motorischen
(= die Muskeltätigkeit betreffende) Nervenfasern, die sog. A-Alpha-Motoneurone. Eine deutlich dünnere Markscheide haben Nerven, die für die Weiterleitung der Sensibilität (= z.B. Berührungs- oder Schmerzempfindung) verantwortlich sind (A- Beta-, Gamma-Neurone). Eine ganz dünne oder keine Nervenscheide besitzen vegetative (= das unwillkürliche Nervensystem betreffende) Nervenfasern (B und C-Fasern).

Das Lokalanästhetikum wird je nach gewünschter Wirkung dosiert. In der Regionalanästhesie, z.B. zur Operation im Bereich des Armes, wird das Lokalanästhetikum so dosiert, daß auch die Muskeln erschlaffen. In der Regel wird dazu z.B. Carbostesin 0,5 (0,75)% verwendet.
In der Schmerztherapie ist die muskelerschlaffende Wirkung nicht erwünscht, weshalb die Konzentration herabgesetzt wird, z.B. 0,15 bis O,2 % Carbostesin. Die Patienten sollen ja mobil bleiben, auch damit begleitend physiotherapeutisch behandelt werden kann.
Zur Behandlung von (nicht schmerzhaften) Durchblutungsstörungen reichen zur Blockade der vegetativen
(= das unwillkürliche Nervensystem betreffenden) B- und C-Nervenfasern 0,05-0,1% z.B. Bupivacain aus.
Diese Ausführungen machen deutlich, daß bei Nervenblockaden zur Schmerzausschaltung immer automatisch die vegetativen B- und C-Fasern mitbetroffen sind, es also sozusagen als (erwünschte) Nebenwirkung zu einer sehr viel besseren Durchblutung im behandelten Bereich kommt, was jeder entzündlichen oder auch degenerativen Schmerzursache deutlich entgegenwirkt.

Weitere Informationen zur Wirkungsweise der therapeutischen Lokalanästhesie (= Behandlung mit einem Lokalanästhetikum) finden Sie hier

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Aktualisiert: >15.04.2008</> kusb&
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